SCHÖNE NEUE WELT DES BANKING -- SERIE ZUR DIGITALISIERUNG: GASTBEITRAG (23)

GASTBEITRAG

„Bitte nicht jetzt'` ist keine Option

Börsen-Zeitung, 15.10.2019

„Traut euch!“, möchte man rufen und fragt sich, ob den deutschen Unternehmen genauso wie der deutschen Politik die Vision für die großen Schritte fehlt. Strategische Entscheidungen sind immer Entscheidungen unter Unsicherheit. Es gibt keine Garantie, richtig zu liegen. Aber wer gar nicht handelt, liegt sicher falsch. Und genau in diese Falle scheinen viele zu tappen. Im Juli dieses Jahres waren Amazon und Microsoft wertvoller als alle 763 börsennotierten deutschen Unternehmen zusammen. Ertrag und Gewinn der großen US-amerikanischen Tech-Player sind beeindruckend, aber die Börse handelt bekanntlich die Zukunftserwartungen – und dort liegt der entscheidende Unterschied. In Deutschland fehlt es regelmäßig an überzeugenden Visionen, ein Beleg ist die fehlende Bereitschaft, die schwierigen, grundlegenden Themen anzugehen.

Der zögerliche Umbau der Infrastruktur im Finanzdienstleistungssektor ist dabei exemplarisch. Infrastruktur. Was ein Wort. Der eine liest es und gähnt, die andere assoziiert es mit Endlosprojekten aus der Baubranche, die meisten denken: „Bitte nicht jetzt und bitte nicht mit mir.“ Kein Wunder, Infrastruktur bedeutet Arbeit, bedeutet Umbau der technologischen Grundlage, bedeutet Veränderung und das nicht nur im Rahmen eines kleinen Updates. Dabei ist ein Umstieg auf eine moderne, Cloud-basierte Infrastruktur die vielleicht größte Chance, eine überzeugende Vision für das eigene Unternehmen zu entwickeln. Wer die Grundfeste in Frage stellt, zwingt die Organisation, neu zu denken. Was sind die eigenen Kernkompetenzen? Wo lassen sich Stärken stärken? Wo arbeitet man besser mit Partnern zusammen?

Doch in vielen Unternehmen dominieren falsche Incentive-Strukturen. Belohnt werden nicht Unternehmertum und die Bereitschaft, das Risiko eines vermeintlich langwierigen Infrastrukturprojekts einzugehen – insbesondere, wenn es zunächst einmal Ressourcen fordert. Sicherer für die Karriere scheint der Blick auf das nächste Quartal als der langfristige Vorteil für das Unternehmen. Da geht man lieber die kleineren, schnellen Projekte mit Präsentationspotenzial an. Gibt die Entwicklung einer App in Auftrag oder lässt eine neue Homepage designen; schöne neue Vorzeigeprojekte, nicht unbedingt günstig, aber schnell umsetzbar. Zudem für alle sichtbar und im Idealfall das Image verjüngend; online, im Internet, denn das ist es, was immer noch viele unter Digitalisierung verstehen.

Eine neue Website und eine Innovationsabteilung zwingen aber nicht zum Neudenken des Geschäftsmodells und der Prozesse. Und somit bleibt im Unternehmen selbst alles beim Alten. Skalierbarkeit ohne manuelle Aufwände? Nutzung organisatorischen Wissens und Datenmanagement bis hin zu lernenden Systemen? Entwicklung neuer Geschäftsmodelle statt gradueller Optimierung? Das überlassen wir anderen – und riskieren unsere Zukunft.

Konstantes Lernen

Die Digitalisierung entscheidet sich nicht an der Oberfläche oder im Frontend. Erfolgreiche Digitalisierung zeigt sich im Kundennutzen und in der Individualisierung „at scale“ sowie in der ständigen Optimierung von Angebot und Prozessen auf Basis umfassenden Datenmanagements und durchgehender Analytik. Dabei führt kein Weg vorbei an einer Cloud-basierten und anpassungsfähigen Infrastruktur.

Wir erleben eine exponentiell gestiegene Transparenz über die jeweils besten Lösungen, verbunden mit entsprechender Verfügbarkeit und Zugang. Nicht nur Privatkunden, sondern auch Unternehmen können die neuen Möglichkeiten nutzen und die eigenen Kernkompetenzen durch entsprechende Partnerschaften optimal erweitern. Dies gilt auch im Kontext der IT-Infrastruktur.

Unbegrenzte Ressource

Analog zu Strom kann Speicherkapazität in entsprechender Qualität hinsichtlich Verfügbarkeit, Sicherheit etc. bedarfsabhängig eingekauft werden. Unter Nutzung dieser quasi unbegrenzten Ressource gilt es, die optimale Plattform für das eigene Geschäftsmodell festzulegen und selbst aufzubauen oder „as a Service“ von einem geeigneten Partner zu beziehen. Vergleichbar zum Betriebssystem eines Smartphones ermöglicht eine moderne Plattform die flexible Kombination eigener Anwendungen (Apps) mit den Anwendungen von Dritten, um die Leistungserstellung zu perfektionieren. Über alle Anwendungen hinweg sichert die Plattform dabei, dass organisatorisches Wissen aufgebaut wird, und garantiert die Voraussetzungen für eine lernende Organisation und nachhaltigen Kundennutzen.

Bleibt zuletzt die Frage nach den Kosten – natürlich ein sensibles Thema. Aber: Bereits heute werden weltweit 20 % aller Investitionen in Technologie im Finanzdienstleistungsbereich getätigt. Leider an der falschen Stelle: Statt in den Wechsel zu investieren, fließt das Geld in den Erhalt veralteter Infrastruktur. Quasi der Versuch, einen alten Desktop-PC jedes Jahr wieder durch neue Festplatten und andere Erweiterungen am Leben zu erhalten. Dies ist schlicht teurer, als das neueste Betriebssystem über Nacht auf ein neues iPad zu spielen.

Und genau wie beim Vergleich zwischen altem Desktop und iPad gilt, dass die notwendige Migration jedes Jahr schwieriger und der Leistungsrückstand jedes Jahr größer wird. Ist der Wechsel auf eine moderne, anpassungsfähige Infrastruktur vollzogen, lässt sich dagegen vieles einsparen beziehungsweise in Innovation investieren. Gerade auch für Finanzdienstleister kleinerer und mittlerer Größe ist das Potenzial immens, da sie „as a Service“ die gleiche Skalierung und Leistungsfähigkeit erhalten wie ihre größten Wettbewerber.

Die Frage, die sich Finanzdienstleister daher stellen müssen, ist nicht, ob ein Austausch der Infrastruktur sinnvoll ist. Es geht auch nicht darum, die Risiken eines Infrastruktur-Wechsels zu ignorieren. Stattdessen gilt es, Risiken bewusst zu managen, um Chancen zu nutzen. Es geht darum, die eigenen Kernkompetenzen optimal zu nutzen und durch die richtigen Partnerschaften die eigene Leistungsfähigkeit auszubauen. Ob Start-up oder etabliertes Unternehmen, entscheidend sind Unternehmertum und klare Visionen. Trauen wir uns!

Chris Bartz, CEO und Mitgründer Elinvar


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