SCHÖNE NEUE WELT DES BANKING - SERIE ZUR DIGITALISIERUNG: SPANISCHE BANKEN (23)

Lob und Leid des Online-Banking

BBVA und Santander kommen im Ausland schneller voran als auf dem spanischen Heimatmarkt

Die spanischen Banken gelten als Vorreiter bei der Digitalisierung. In der Tat investieren die Kreditinstitute hohe Summen in Technologie und haben Erfolge vorzuweisen. Doch liegt der spanische Markt im Online-Banking in vielen Aspekten im europäischen Mittelfeld, nicht zuletzt wegen des hohen Bargeldverkehrs.

Von Thilo Schäfer, Madrid

Börsen-Zeitung, 10.10.2019

Spaniens Großbanken sahnen bei der Verleihung von internationalen Preisen für die Branche seit einiger Zeit regelmäßig ordentlich ab. BBVA wurde kürzlich zum dritten Mal in Folge von Forrester Research für die beste Mobiltelefonanwendung ausgezeichnet. Die Zeitschrift „Euromoney“ kürte Spaniens zweitgrößtes Geldinstitut zur besten Digitalbank Westeuropas. Auch die Mitbewerber Santander und Caixabank heimsten für ihre Digitalstrategie Preise und Lob von Analysten ein.

Eine Studie der Royal Bank of Canada von Juni unterstreicht, dass die Investitionen in die Digitalisierung der spanischen Banken von einem mittleren Buchwert von 2,7 % im Jahr 2013 auf 3,1 % gestiegen sind. „Unsere Rangliste in Spanien ist BBVA, Caixabank, Santander, Sabadell, Bankinter und Bankia“, resümiert der Bericht über die Digitalisierung der spanischen Finanzbranche.

Viel Geld investiert

Tatsächlich haben die Geldhäuser in den letzten Jahren sehr viel Geld in die technologische Aufrüstung gesteckt. Allein die drei Branchenführer, Santander, BBVA und Caixabank, investierten laut der Wirtschaftszeitung „Expansión“ im vergangenen Jahr zusammen 3 Mrd. Euro in die Digitalisierung. Die Zahl ihrer Kunden des Online-Banking hat exponentiell zugenommen. Ein Grund dafür ist der Sparzwang, der in Spaniens Finanzsektor größer war als anderswo in Europa. Denn während der Immobilienblase zu Beginn des Jahrhunderts hatten die Banken ihr Filialnetz aufgebläht. Seit Ausbruch der Krise 2008 sind 43 % der Filialen und 33 % der Stellen abgebaut worden.

Doch bei der Digitalisierung geht es natürlich vor allem um die Anpassung an völlig neue Bedürfnisse der Kunden. Beim Online-Banking liegt Spanien im europäischen Vergleich jedoch nur im Mittelfeld. Laut einer Studie der Europäischen Kommission nutzten 2017 nur 53 % der spanischen Kunden digitale Angebote ihrer Bank, das liegt unter dem Durchschnitt von 59 % für die Europäische Union.

Schwellenländer weiter

In der Tat sehen die beiden international aufgestellten Großbanken Santander und BBVA, dass in Schwellenländern das digitale Geschäft schon weiter entwickelt ist als auf dem Heimatmarkt. Bei BBVA wurden im ersten Halbjahr bereits 58 % aller Transaktionen auf digitalem Weg abgewickelt. In Spanien lag dieser Anteil jedoch nur bei 49,4 %, während er in den Filialen in Südamerika 61 % und bei der türkischen Tochter Garanti sogar 85 % erreichte.

BBVA gilt als Vorreiter in Spanien. Schon vor Jahren predigte der ehemalige Vorsitzende Francisco González von der Digitalisierung, die das traditionelle Bankgeschäft auf den Kopf stellen würde. Mit Carlos Torres Vila bestimmte er einen beim Massachusetts Institute of Technology ausgebildeten Elektroingenieur als Nachfolger und setzte damit ein Zeichen. BBVA hat große Summen in Start-ups investiert, von denen einige nicht direkt mit Finanzdienstleistungen zu tun haben. „In Zukunft wird BBVA eine Softwarefirma sein“, orakelte González vor vier Jahren.

Der große Konkurrent Santander will aufholen. Im April ließ die Vorsitzende Ana Botín mit der Ankündigung aufhorchen, dass man in den nächsten vier Jahren 20 Mrd. Euro in die Digitalisierung stecken werde. Die bislang nur in Spanien tätige reine Online-Tochter Openbank expandiert nun ins Ausland, zunächst in Deutschland, Portugal und den Niederlanden und im kommenden Jahr in Argentinien und Mexiko. Openbank, die 1995 als reine Telefonbank gegründet wurde, hat 1,2 Millionen Kunden, die im Schnitt 4,6 Produkte erwerben. In Lateinamerika hofft Santander mit einem globalen Zahlungssystem bald 500 Millionen Kunden zu erreichen.

Caixabank ist dagegen auf dem Heimatmarkt bei der Digitalisierung führend. Die ehemalige Sparkasse aus Barcelona hat in ihren Geldautomaten die Gesichtserkennung eingeführt, was die PIN-Nummer überflüssig macht. Die vielen Cashpoints in Spanien bilden nach Ansicht der Analysten der Royal Bank of Canada auch eine „Eintrittshürde für Fintechs“. Denn Spanier haben einen höheren Bedarf an Bargeld. Der Anteil der Barzahlungen liegt mit 22 % über dem europäischen Schnitt von 18 %.

Einige Experten sind jedoch der Ansicht, dass die digitale Aufrüstung der Kreditinstitute etwas spät kommt. „Die Banken haben nicht rechtzeitig reagiert“, meint Fernando Aparicio, Lehrer an der Madrider Privatuniversität The Valley. Vor zehn Jahren war Aparicio Spanien-Manager der damals neuen Bezahlplattform Paypal. „Als ich damals mit den Banken verhandelte, merkte ich, dass diese sich des Risikos durch die neue Konkurrenz nicht bewusst waren“, so der Experte.

Nach einer Marktstudie der Beratungsfirma D-Rating vom Mai schneiden reine Digitalbanken wie N26 und Revolut in Spanien in der Bewertung am besten ab. Doch traditionelle Institute wie Bankinter, BBVA und Sabadell kommen immerhin unter die ersten zehn.

Eine Befragung von Funcas, der Denkfabrik des Verbandes der Sparkassen, von Beginn des Jahres ergab gemischte Resultate aus Sicht der Kreditinstitute. So erklärten 87 % der Befragten, dass ihre Hausbank alle notwendigen Produkte und Dienstleistungen anbiete. Allerdings können sich 46 % vorstellen, einmal das Online-Banking eines der großen Technologiekonzerne auszuprobieren, wobei Google mit 15 % an der Spitze der Beliebtheit liegt, vor Amazon und Apple.

Großer Spielraum

Die Nutzung des Online-Banking in Spanien wird laut der Studie von Funcas von 53 % der Kunden 2017 dann im nächsten Jahr auf 79 % klettern, wobei die neue Konkurrenz zulegen wird. „Diese Nutzung wird sich in jedem Fall auf den Zahlungsverkehr beschränken“, urteilen die Wirtschaftsprofessoren Santiago Carbó und Francisco Rodríguez in einer neuen Studie. „Der Spielraum der Banken bei Dienstleistungen, die über den Zahlungsverkehr hinausgehen, ist groß“, so die beiden Experten.

Spaniens Banken haben mit einer eigenen digitalen Bezahlplattform namens Bizum auf die neue Konkurrenz reagiert. Seit der Gründung durch fast alle Kreditinstitute vor drei Jahren kommt Bizum heute auf 4,5 Millionen Kunden.


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