SCHÖNE NEUE WELT DES BANKING - SERIE ZUR DIGITALISIERUNG: FINANZPLATTFORMEN (20)

Verbünde auf dem Weg zur Plattformökonomie

Sparkassen und genossenschaftliche Finanzgruppe investieren in die Entwicklung eigener Ökosysteme

Von Tobias Fischer, Frankfurt

Börsen-Zeitung, 12.9.2019

Sparkassen und Genossenschaftsbanken arbeiten an eigenen Online-Finanzplattformen, die sie sukzessive in den nächsten Jahren ausbauen und gegebenenfalls auch um Angebote fern des reinen Banking erweitern wollen. Ausgehend vom Girokonto als Anker der Kundenbeziehung, können so digitale Ökosysteme geschaffen werden.

Integriert und verbunden

1 Mrd. Euro haben die Öffentlich-Rechtlichen für Investitionen in Digitalisierung innerhalb von drei Jahren reserviert, teilten sie im November 2018 mit. Die Genossen machen eine halbe Milliarde Euro bis 2022 für ihre im August vergangenen Jahres ausgerufene Digitalisierungsoffensive locker.

„Im Kern geht es bei der Digitalisierungsoffensive um eine neue omnikanale Vertriebsplattform für das Privat- und Firmenkundengeschäft“, äußert sich der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Filiale, Kundenservicecenter, Online-Banking und Banking-App stehen also demnach nicht mehr isoliert nebeneinander, sondern alle Organisationseinheiten und Zugangswege werden in einer Vertriebsplattform integriert und verbunden.

Erste Anwendungen im Herbst

„Die ersten Anwendungen bzw. Lösungen werden aktuell erprobt und im Herbst dieses Jahres zur Verfügung gestellt“, kündigt der BVR an. Richte sich die Vertriebsplattform an alle Kunden, so werde es für Firmenkunden via gesondertem Portal und über eine zugehörige Banking-App zusätzliche Funktionen geben. Der Fahrplan sehe zunächst vor, dass die Vertriebsplattform sukzessive bis 2022 aufgebaut wird. Weiterentwicklungen und entsprechende Investitionen seien natürlich auch danach vonnöten. Die Digitalisierungsoffensive ziele in erster Linie auf Bankangebote, heißt es vom BVR. Darüber hinaus gebe es aber Überlegungen, den Plattformgedanken über reine Bankdienstleistungen hinaus weiterzuentwickeln, könnten doch wie bei den Sparkassen über Schnittstellen (API) auch verbundfremde Anbieter eingebunden werden. Als ein erstes Beispiel nennt der BVR die Kooperation mit dem digitalen Identitätsdienst Yes, der Registrierungen, Anmeldungen und die Legitimation im Internet vereinfacht, z. B. bei E-Commerce-Händlern. Zuvor hatten sich auch schon die Sparkassen für die Dienstleistungen von Yes entschieden.

Die wollen ihren Kunden ein persönliches Finanzmanagement anbieten, das beispielsweise Einnahmen-Ausgaben-Vergleiche und eine Umsatzkategorisierung ermöglicht. Für das laufende Jahr sei beispielsweise auch die Integration einer Liquiditätsvorschau geplant, die den Nutzern anzeigt, wie viel Geld sich auf ihren Konten befindet und ob es bis zum Monatsende reicht, hieß es im Finanzbericht 2018 des DSGV.

Die Entwicklungen im laufenden Jahr seien ein erster Schritt zum Aufbau einer digitalen Finanzplattform und eines Ökosystems, teilte der DSGV nun mit. Das Projekt gehe neben der technischen Entwicklung auch mit organisatorischen und strategischen Veränderungen einher. In der Planung für die Markteinführung befinden sich demnach zudem ein Firmenkundenportal und eine Vertrags-Check-Funktion. Ziel ist eine Finanzplattform, über die alle der derzeit 381 Sparkassen, die Landesbanken und die Verbundpartner ihre Produkte vorstellen und offerieren können. Darüber hinaus sollen Angebote von Drittanbietern integriert werden können, Buchungsportale etwa, und einzelne Buchungen beispielsweise mit Gutscheinen und ähnlichen Angeboten lokaler Händler verbunden werden.

Permanenter Prozess

Beim Aufbau der Plattform als Kern der Digitalisierungsbemühungen handele es sich um einen kontinuierlichen Prozess, in dem sukzessive funktionale und infrastrukturelle Erweiterungen und Verbesserungen vorgenommen würden, auch durch Ein- und Anbindung externer Partner und Ökosysteme über digitale Schnittstellen (API), teilt der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) mit. „Internationale Plattformanbieter und Open Banking haben die Bankenlandschaft revolutioniert. Die Antwort der Sparkassen darauf lautet Weiterentwicklung der digitalen medialen Kanäle hin zu einer eigenen multibankfähigen Plattform rund um das Girokonto“, formuliert der DSGV das Anliegen der Finanzgruppe, eine eigene Plattform bzw. ein eigenes Ökosystem zu schaffen.

Konkurrenten und Partner

Sparkassenpräsident Helmut Schleweis hat in der Vergangenheit Big Techs wie Amazon, Google, Apple und Facebook, aber auch chinesische Tech-Konzerne wie Alibaba und Wechat getadelt, deren Marktmacht er „die Gefahr monopolartiger Strukturen“ zuschreibt. Daraus zu schließen, die Sparkassen verwehrten sich Big Techs, sei allerdings nicht angebracht, teilte der DSGV nun mit. Big Techs seien in vielerlei Belangen nicht nur Konkurrenten, sondern auch Partner.


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