SCHÖNE NEUE WELT DES BANKING - SERIE ZUR DIGITALISIERUNG: GASTBEITRAG (19)

GASTBEITRAG

Finanzdienstleister müssen in ihrer IT-Infrastruktur auf Cloud-Dienste setzen

Börsen-Zeitung, 7.9.2019

Finanzinstitute haben in der Vergangenheit eine IT mit hoher Zuverlässigkeit, niedrigen Betriebskosten und technischer Skalierbarkeit geschaffen. Die über Jahre gemeinsam mit dem technischen Fortschritt gewachsenen IT-Architekturen sind heute aber oftmals zu komplex und unflexibel zur Erfüllung aktueller Anforderungen. Im Wettbewerb ist vor allem eine deutlich höhere Reaktionsgeschwindigkeit für den Aufbau differenzierender Kundenlösungen erforderlich.

Wirksamer Ausweg

Ein wirksamer Ausweg aus dieser Situation erfordert eine Modernisierung der Legacy-IT-Landschaft. Cloud-Technologien bilden dafür ein wesentliches Fundament. Cloud-Dienste stellen fachlich wie technisch hoch standardisierte IT-Leistungen aus den Rechenzentren eines Anbieters zur Verfügung. Typischerweise werden drei Servicemodelle unterschieden (siehe Grafik): Bei „Software as a Service“ (SaaS) bietet ein Dienstleister vollständige Anwendungen an. Diese sind einfach, schnell und kostengünstig zu erwerben und zu nutzen. Dadurch eignet sich SaaS insbesondere für nicht wettbewerbsdifferenzierende Anwendungen. Das Modell „Platform as a Service“ (Paas) bietet flexible Basisstrukturen für die Entwicklung von eigenen Anwendungen. „Infrastructure as a Service“ (IaaS) steht zuletzt für die flexible Anmietung von Hardware in einem hochautomatisierten Rechenzentrum eines Dienstleisters. Cloud-Dienste arbeiten stark automatisiert und abstrahieren vollständig von physischer Hardware. Zusätzliche Bausteine wie weitere Nutzer, Datenbanken oder Prozessoren können binnen Sekunden ergänzt werden – meist sogar durch Anwender oder Entwickler selbst über Web-Portale. Institute passen so IT-Leistungen elastisch, ohne Zeitversatz an den tatsächlich Bedarf an, anstatt wie bisher die IT-Kapazität an der Spitzenlast, zum Beispiel am Monatsende, auszurichten. Dadurch bieten Cloud-Dienste eine hohe Flexibilität in der Umsetzung von fachlichen Anforderungen und erhöhen die Geschwindigkeit bei reduzierten Risiken.

Sekundengenaue Abrechnung

Die Abrechnung von Cloud-Diensten erfolgt meist sekundengenau und variabel nach den bereitgestellten Leistungsbausteinen (zum Beispiel berechtigte Nutzer, Prozessoren), teilweise sogar nach dem tatsächlichen Verbrauch (zum Beispiel durchgeführte Berechnungen, aktive Nutzer).

Durch die hohe Elastizität kann ein Institut den Kostenverlauf so dem Bedarfsverlauf ohne zeitliche Latenz angleichen – anstelle fixer Kosten für eine starr am Spitzenbedarf ausgerichtete Infrastruktur. Da sich die Cloud-Dienste eines Anbieters viele Ressourcen teilen, profitieren die nutzenden Institute von geteilten Kosten. Verschiedene Banken haben eine „Cloud First“-Strategie ausgerufen und dabei Ziele für den Anteil der Cloud-Nutzung bezogen auf die gesamte IT-Landschaft über Jahre vorgegeben. Interessant ist nun, dass erste Banken damit beginnen, sogar ihre Kernbankensysteme vollständig als Cloud-Lösung zu implementieren.

Eine Reihe von Kernbankensystemanbietern am Markt bieten solche Wege in unterschiedlichen Reife- und Integrationsgraden an. Ausschlaggebend für Institute heute ist die Elastizität der Infrastruktur in Verbindung mit variabler Abrechnung. Eine Weiterentwicklung hin zu umfassenden Anwendungspaketen, inklusive fachlicher Betreuung und vorgefertigter Integrationen, ist für die nächsten Jahre noch zu erwarten (“Bankservices aus der Steckdose“).

Regulatorische Anforderungen wie BCBS 239 zwingen gerade große Banken, die Prozesse in der Berichtserstellung stark zu beschleunigen. Zur Einhaltung der Abgabefristen werden lang laufende Berechnungen mit oftmals hohen Hardware-Investitionen optimiert. Daraus resultieren dauerhaft höhere Fixkosten für Rechenmaschinen, die außerhalb der Berichtserstellung ungenutzt stehen.

Cloud-Computing bietet neue Wege zur Beschleunigung solcher Prozesse. Wir konnten die Kreditrisikosimulation mit der Standardsoftware „zeb.control“ auf eine Cloud-Infrastruktur überführen und die Verarbeitungszeit für ein mittelgroßes Institut durch temporär massive Rechenleistung von 16 Stunden auf 10 Minuten reduzieren – bei einem Achtel der Kosten! Ähnliches haben wir für die Profitabilitätsanalyse mit 40 Millionen Cash-flows erreicht, indem wir sie in einem Test auf 5 Minuten reduziert haben. In beiden Fällen kostet ein solcher Kalkulationslauf circa 5 Euro.

Banken halten sich zurück

Trotz dieser Vorteile gegenüber klassischen IT-Liefermodellen und der langjährigen Verfügbarkeit von Cloud-Angeboten sind deutsche Finanzdienstleister und Banken noch zurückhaltend in der Nutzung. Die Nutzung von Cloud-Diensten kann eine wesentliche Auslagerung nach MaRisk AT 9 darstellen.

Zu den Anforderungen gehören etwa uneingeschränkte Informations- und Prüfrechte der Aufsicht und des Finanzinstituts – darunter sehr plakativ: Zugang zu den Geschäftsräumen des Anbieters. Lange schienen diese Rechte und die standardisierten Verträge der Cloud-Anbieter nicht miteinander vereinbar zu sein. Doch mittlerweile zeigen die Aufsichtsbehörden praktikable Wege auf, und Cloud-Anbieter öffnen ihre Vertragsklauseln. Der hohe Nutzen für Finanzinstitute und das große Marktpotenzial für die Anbieter werden hier zu weiteren Annäherungen führen.

Die Nutzung von Cloud-Diensten und die Integration mit bestehenden IT-Systemen erfordern die Öffnung des eigenen Rechenzentrums. Die Sicherheitsrisiken daraus halten wir für beherrschbar. Technische Mechanismen zur Absicherung dieser Öffnung und Verbindung zum Cloud-Anbieter sind erprobt.

Gründliche Analysen sind dennoch anzuraten. Es ist zudem sehr unwahrscheinlich, dass ein IT-Rechenzentrum im Eigenbetrieb eine höhere IT-Sicherheit, Stabilität, Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit gewährleistet als ein Cloud-Dienst. Cloud-Anbieter sind eher in der Lage, die hohen Investitionen in adäquate Sicherheitstechnik zu tragen, arbeiten mit stärker automatisierten und stabilisierten Abläufen und haben besseren Zugang zu führenden Experten der IT-Sicherheit. Zudem kann eine Lokalisierung der genutzten Cloud-Dienste in Rechenzentren innerhalb der EU vertraglich vereinbart werden.

Unsicherheit herrscht

Viele Institute haben allerdings noch keinen eigenen Pfad für ihren konkreten Einsatz von Cloud-Diensten festgelegt. Insbesondere nehmen wir Unsicherheit über den ersten Schritt und Befürchtungen über hohe Investition für Modernisierungen wahr.

Unsere Erfahrung – auch im eigenen Unternehmen – zeigt, dass zu Beginn kleinere Applikationen wie SaaS-Dienste in den Feldern HR, Einkauf oder IT, Neuentwicklungen auf PaaS oder Testumgebungen auf IaaS mit überschaubarem Risiko schnellen Mehrwert und somit Akzeptanz schaffen. Gleichzeitig sammeln die Institute so Erfahrung in kaufmännischer, aber auch in technischer Hinsicht. Angesichts aktueller und absehbarer Anforderungen von Kunden, der Aufsicht und weiterer Stakeholder müssen Finanzdienstleister ihre IT-Infrastrukturen dringend flexibilisieren. Nur dadurch können sie zukünftige Potenziale ihrer Geschäftsmodelle sowie gesteigerte Produktivität durch den technischen Fortschritt realisieren.

Cloud-Dienste schaffen im CIO-Spannungsfeld zwischen Marktanforderungen, Kosten und IT-Beherrschbarkeit notwendige Entlastung und Freiräume für die Konzentration aufs Wesentliche. Moderne IT-Konzepte können ohne Cloud-Prinzipien zudem gar nicht umgesetzt werden. Die Herausforderungen sind lösbar. Finanzinstitute müssen unseres Erachtens Cloud-Dienste in ihren IT-Strategien verankern.

Von Sven Krämer und Matthias Lehneis *)

*) Sven Krämer, Partner ZEB, und Matthias Lehneis, Senior Manager ZEB


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