SCHÖNE NEUE WELT DES BANKING - SERIE ZUR DIGITALISIERUNG: TRADE FINANCE (17)

Blockchain schiebt Digitalisierung im Außenhandel an

Papierkram prägt Geschäft auch heute noch – Neue Systeme sollen alle Akteure digital einbinden – Commerzbank hofft auf sinkende Kosten

Die Papierflut angesichts der vielen Dokumente, die Import- und Exportgeschäfte begleiten, besteht seit Hunderten von Jahren. Neue Technologien wie die Blockchain können endlich Abhilfe schaffen. Die Digitalisierung schreitet dadurch auch im Außenhandelsgeschäft der Banken voran.

Von Karin Böhmert, Frankfurt

Börsen-Zeitung, 5.9.2019

Die Digitalisierung des Bankgeschäfts ergreift immer mehr Bereiche, darunter auch die Außenhandelsfinanzierung. Im- und Exportgeschäfte sind extrem papierbasiert und damit zeit- und kostenintensiv. „99 % des Außenhandelsgeschäfts sind papierbehaftet“, unterstreicht Enno-Burghard Weitzel, Leiter Produktmanagement, Trade Finance der Commerzbank, im Gespräch mit der Börsen-Zeitung. Gerade der dokumentäre Auslandszahlungsverkehr über Dokumenteninkasso und Akkreditive (siehe Kasten und Grafik) umfasst viele Papiere, die eine Ware begleiten und durch viele Hände gehen müssen – wie dies im Prinzip seit gut 400 Jahren der Fall ist.

Eine Digitalisierung dieser Geschäfte ist deshalb seit langem ein großes Anliegen aller Beteiligten. Sie scheiterte aber bisher an der Vielzahl der involvierten und oft nicht miteinander verbundenen Parteien. Hinzu kommt, dass Verkäufer und Käufer oft in Ländern mit unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Lage, mit verschiedenen Rechtssystemen, kulturellen Traditionen und Geschäftsbräuchen ansässig sind. Es ist häufig schwierig, sich über das Zielland zu informieren, teilweise sind gesonderte Exportbestimmungen oder Sanktionen zu beachten. Die Ware muss oft über weite Entfernungen transportiert und der Handel in unterschiedlicher Währung abgewickelt werden.

Dezentrale Lösung

Gesucht wird deshalb eine banken- und industrieübergreifende Lösung, in die sich alle an einem Außenhandelsgeschäft Beteiligten einklinken und nahtlos miteinander kommunizieren können. Und da bietet sich die Blockchain an, also ein dezentrales, kryptografisch verschlüsseltes Register. Vor wenigen Jahren wurden deshalb fünf verschiedene Konsortien gegründet. So basieren Voltron und Marco Polo auf dem offenen System R3, während Batavia und Wetrade auf einem geschlossenen System mit IBM-Technologie fußen. Hinzu kommt die stark auf Asien ausgerichtete Variante HKTFP, die von der als Zentralbank fungierenden Hongkong Monetary Authority unterstützt wird.

Batavia, vor rund 18 Monaten gegründet, ist im Grunde beendet, da die Pilotphase erfolgreich abgeschlossen wurde, wie zu hören ist. Die überwiegend europäischen Banken, die daran teilgenommen haben, sind überwiegend zu Wetrade gewechselt oder beteiligen sich vorwiegend an der Weiterentwicklung von Marco Polo, so wie auch die Commerzbank.

„Wir setzen voll auf Marco Polo“, sagt Weitzel, denn aufgrund der offenen Basis von R3 biete das Projekt eine höhere Dynamik und eine Offenheit für Zusatzfunktionen oder für weitere Produkte (siehe Kasten). Marco Polo sei das am schnellsten wachsende, auf der Blockchain basierende Konsortium dank einer stetig zunehmenden Zahl teilnehmender Banken und einer breiten globalen Abdeckung, die von Europa über Asien, Nord- und Südamerika bis hin zu Südafrika reiche.

„Das Problem ist, dass keine digitalen Inselreiche durch die unterschiedlichen Initiativen entstehen sollten“, gibt Weitzel zu bedenken. Noch ist unklar, ob sich ein bestimmtes System durchsetzt oder ob ein übergreifender Konsens möglich ist. Die Plattformbetreiber sprechen miteinander, wie Weitzel hervorhebt, denn das primäre Interesse aller am Handel Beteiligten ist ein standardisierter Zugang zum jeweiligen System über entsprechend definierte Schnittstellen. Am Ende dürfte es Aufgabe der Internationalen Handelskammer (ICC) in Paris sein, hier globale Standards zu setzen. Die ICC hat die „Einheitlichen Richtlinien und Gebräuche für Dokumentenakkreditive“ (ERA) erlassen. Die von der Privatwirtschaft entwickelten Leitlinien für die technische und bankmäßige Abwicklung, die im Akkreditivtext eingebunden und für alle Beteiligten bindend sind, werden von rund 175 Ländern akzeptiert.

Noch sei der Anteil der über Blockchain laufenden Transaktionen am Außenhandel realistisch betrachtet marginal, doch mit einer der jüngsten Transaktionen seien Meilensteine und die nächste Evolutionsstufe erreicht worden, unterstreicht Weitzel. So hatte die Commerzbank zuletzt Mitte August zusammen mit der LBBW eine Blockchain-Transaktion abgewickelt, bei der nicht nur die Bestelldaten, sondern erstmals auch die Lieferdaten unter Einbindung eines Logistikers über Marco Polo vereinbart und automatisch abgeglichen wurden. Dabei stellte der Logistikpartner die Transportdaten direkt ins Netzwerk. Ziel von Marco Polo sei es, alle für eine Transaktion notwendigen Handelsdaten so direkt wie möglich über die ursprüngliche Datenquelle zu erhalten, wie die Banken mitteilten.

„Nicht alles anwendbar“

Bringt Blockchain also einen Schub in die Digitalisierung des Außenhandels? „Die Technologie lenkt das Augenmerk stark auf das, was möglich ist und sein kann. Das ist sehr kontrastreich zum Ist-Zustand“, betont Weitzel. Er dämpft aber die derzeit zu beobachtende Euphorie um die Blockchain, denn „es ist nicht heute oder morgen alles anwendbar“. So liege der Wert des Systems in der Vielzahl der Teilnehmer, die noch ausbaufähig ist. Ziel sei es deshalb, das Netzwerk um weitere relevante Beteiligte zu erweitern. Diese reichen von Versicherungen, um Transportrisiken abzusichern, über Inspektions- und Hafenbehörden bis hin zu lokalen Handelskammern. „Die Gespräche laufen“, sagt Weitzel. Auch neue, granulare Produkte und Funktionen seien mittels Marco Polo denkbar. So könnten Sensoren in Containern jederzeit über den Status Auskunft geben, wie dies heute beispielsweise mit „DHL-Tracking“ rund um den Paketversand schon möglich ist, sagt er.

Ein weiterer Meilenstein dürfte die Anbindung der ERP-Systeme der Unternehmen an Marco Polo sein. Die Software „Enterprise Resource Planning“ (ERP) integriert die Kernprozesse eines Unternehmens rund um Finanzen, Personalwesen, Fertigung, Logistik, Services, Beschaffung und andere Bereiche in einem System und schafft somit Transparenz für Liquidität und Steuerung. Daten aus einer Handelstransaktion könnten dann ohne nochmalige Erfassung direkt in das ERP-System der Unternehmen fließen. Dazu bedarf es einer Schnittstelle, um keine Integrationsprobleme zu erhalten. „Die Gespräche laufen mit den ERP-Softwareherstellern, um die Systeme über eine Schnittstelle an Marco Polo anzubinden“, bestätigt Weitzel. In 2020 könnten dann die ersten Live-Transaktionen von Kunden, die große ERP-Systeme nutzen, stattfinden.

Neben aufmerksam beobachteten Technologien wie der Blockchain schreitet die Digitalisierung der internen Prozesse einer Bank teilweise von außen fast unbemerkt voran. Commerzbank-Chef Martin Zielke hatte 2016 das Ziel ausgegeben, dass 80 % der wesentlichen Prozesse digital sein sollen. Durch die Digitalisierung werden auch im Außenhandelsgeschäft laut Weitzel hohe Kostensenkungen erwartet, die aber schwer vorhersehbar sind, zumal sich Technologien ständig weiterentwickeln und dadurch Anknüpfungspunkte für Zweiteffekte liefern. „Es geht dabei um weit mehr, als Kosten zu senken oder schneller zu sein“, erläutert Weitzel. „Digitalisierung ermöglicht eine noch höhere Konsistenz“, sagt er allein schon mit Blick auf die ständig steigenden Anforderungen durch die Regulierung. „Digitalisierung schafft eine detailliertere Nachvollzieh- und Dokumentierbarkeit, denn das System schreibt automatisch Protokolle über jeden einzelnen Prozessschritt.“ Für Mitarbeiter, die somit von administrativen und repetitiven Arbeiten befreit seien, ergebe sich ein viel interessanteres Arbeitsumfeld und mehr Möglichkeiten, auf die Anforderungen und Wünsche des Kunden einzugehen.

Ein Beispiel für die Automatisierung interner Prozesse betreffe die Compliance-Vorabprüfung bei der Abwicklung von Handelsfinanzierungsgeschäften. Die Commerzbank arbeite hierfür mit dem niederländischen Fintech Conpend zusammen, in das die Bank über ihre Forschungs- und Entwicklungseinheit Main Incubator einen sechsstelligen Betrag investiert hat. Bei der Software-Lösung Trafinas von Conpend geht es um automatisierte Geldwäsche- und Sanktionsprüfungen, indem mittels Schrifterkennungsprogramm (OCR) und maschinellen Lernverfahren Daten aus papierhaften Dokumenten erfasst werden, um Muster zu erkennen und Abweichungen festzustellen. „Technisch funktioniert das gut“, bestätigt Weitzel. Die Hälfte aller Fragen zur Vermeidung von Geldwäsche würden bereits automatisch beantwortet.

Maschinelles Lernen

Letztlich liege die Verantwortung aber weiterhin beim Mitarbeiter. Aus jeder korrigierten Antwort lerne das System. „Das ist ein hervorragendes Anwendungsgebiet für maschinelles Lernen.“ Die Pilotphase startete im Oktober 2018 und das Ziel für dieses Jahr ist, das System in den dauerhaften Betrieb zu überführen.

„Im Prinzip wird auch heute noch kein Papier ersetzt, es wird nur anders verarbeitet“, fasst Weitzel den Stand der Digitalisierung am Beispiel der Trafinas-Software zusammen, weil die Papierdokumente maschinell über einen Scanner gezogen werden müssen, um sie mittels OCR-Schrifterkennung in den digitalen Prüfprozess zu geben. Die Kunst sei es, gemeinsam mit Kunden die richtigen Schritte zu digitalisieren. „Der Kunde will eine Zahlungsabsicherung, also ein wirksames Absicherungsprodukt, damit er sein Geld bekommt“, sagt Weitzel. Ohne Absicherung müsste der Exporteur die bestellte Ware mit dem Risiko produzieren, dass der Importeur seine Bestellung nicht bezahlen kann, will oder – etwa wegen politischer Vorgaben – nicht bezahlen darf.

„Im Handelsfinanzierungsgeschäft sind sorgfältige, einwandfreie Compliance- und Sanktionsprüfungsprozesse unerlässlich, um Risiken für die Bank zu minimieren und um die regulatorischen Anforderungen einzuhalten. Hier bietet maschinelles Lernen ein großes Potenzial und davon profitieren auch die Kunden“, betont Weitzel. Je präziser also die Prüfung, desto geringer ist die Gefahr von Sanktionsverstößen, desto schneller kann es mit Marco Polo weiter gehen.


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