SCHÖNE NEUE WELT DES BANKING -- SERIE ZUR DIGITALISIERUNG: ROBO-ADVISORY (15)

Die Roboter verspäten sich

Online-Vermögensverwaltung kommt bisher kaum in Schwung – Wenig Mehrwert für Anleger

Die Prognose einer digitalen Revolution in der Vermögensverwaltung, ausgelöst durch das sogenannte Robo-Advisory, hat sich bisher nicht bewahrheitet. Europa hinkt den USA hinterher. Die Vorteile der Online-Anbieter sind überschaubar. Das Erfolgsrezept könnten teildigitale Modelle sein, die Platz lassen für eine Beratung durch einen Menschen.

Von Jan Schrader, Frankfurt

Börsen-Zeitung, 30.8.2019

Bisherige Prognosen zu Online-Vermögensverwaltern liegen weit daneben. Sage und schreibe 2,2 Bill. bis 3,7. Bill. Dollar sollen bereits 2020 von Robo-Advisors gesteuert werden, wie das Beraterhaus Deloitte unter Verweis auf diverse Schätzungen bereits 2016 festhielt. Mitte des kommenden Jahrzehnts sollen es sogar mehr als 16 Bill. Dollar sein, das entspräche der zweieinhalbfachen Größe der weltgrößten Fondsadresse BlackRock. Die Beratungsgesellschaft Bain ging 2017 davon aus, dass 2020 mindestens 5 % der „investierbaren Vermögen“ von Robo-Advisorn gesteuert wird. Eine Bezugsgröße fehlt, doch bei einem weltweiten Fondsvolumen von mehr als 44 Bill. Euro wären das 2,2 Bill. Euro. Auch dieses Ziel liegt außer Reichweite.

Immerhin ein dreistelliges Milliardenvermögen bringt das Segment weltweit auf die Beine. Den Ton geben die USA an. Der Informationsdienst Backend Benchmarking beziffert das Vermögen der Online-Vermögensverwalter auf 248 Mrd. Dollar für das zweite Quartal. Auf dem ersten und zweiten Platz liegen dabei nicht etwa die Pioniere Wealthfront und Betterment, sondern der Fondsriese Vanguard und der Finanzkonzern Charles Schwab, die über ihre Dienste „Vanguard Personal Advisor Services“ (140 Mrd. Dollar) und „Schwab Intelligent Portfolios“ (41 Mrd. Dollar) den Markt dominieren.

Europa ist davon weit entfernt. Hier brachten die Online-Dienste nach einer Studie der Deutschen Bank Ende 2018 rund 14 Mrd. Euro auf die Waage. Deutschland kommt zur Jahresmitte auf etwa 3,5 Mrd. Euro, wie Ferat Öztürk schätzt, der für die Fondsgesellschaft DWS, eine Tochter der Deutschen Bank, den Vertrieb von ETFs auch an Robo- Advisors verantwortet. „Es gab eine kleine Ernüchterung“, sagt er über die bislang nicht erfüllten Erwartungen in der Branche. „Ich sehe dennoch großes Wachstumspotenzial für den Robo-Advisory-Markt.“

Anbieter gibt es in Deutschland bereits viele, doch beachtliche Volumen hat noch niemand aufgebaut. Marktführerin ist vermutlich die Münchener Scalable Capital, die unter anderem mit der Direktbank der ING kooperiert und eigenen Angaben nach mehr als 1,5 Mrd. Euro verwaltet. Cominvest, der digitale Vermögensverwalter der Direktbank Comdirect, beziffert das Volumen auf rund 500 Mill. Euro im August. Liqid, die an den Vermögensverwalter HQ Trust der Unternehmerfamilie Quandt angelehnt ist, befindet sich noch ein Stück unterhalb der Marke von 500 Mill. Euro, wie das Management im Juni zu erkennen gab. Die Honorarberaterbank Quirin kommt mit Quirion auf 280 Mill. Euro.

Schöne neue Welt?

Nach anfänglicher Euphorie werden die Schwächen der Anbieter deutlich. Wörtlich übersetzt, handelt es sich um automatische Berater – dabei kann von einer Beratung eigentlich keine Rede sein. Die Dienste ermitteln die Risikobereitschaft per Online-Fragebogen, doch weil mit jedem weiteren Klick die Zahl der Abbrecher steigt, bleibt wenig Spielraum für eine umfassende Anamnese der finanziellen Situation.

Auch erfinden die feschen Online-Anbieter die Vermögensverwaltung keineswegs neu. Ähnlich wie auch viele Misch- und Dachfonds ein Portfolio nach Risikokriterien zusammenstellen, bauen Robo-Advisors das Portfolio auf. ETFs sind dabei das Mittel der Wahl, einige Anbieter mischen aber auch aktiv verwaltete Fonds bei. Der alte Streit in der Vermögensverwaltung, wie aktiv ein Fondsmanager das Portfolio steuern sollte, spiegelt sich auch in den Konzepten der Robo Advisors wider. Während etwa Solidvest und Fundamental Capital jenseits einer Fondshülle Einzeltitel auswählen und somit klassischen Vermögensverwaltern ähneln, gewichtet Whitebox einzelne ETF-Segmente nach einem Value-Ansatz, während Quirion lediglich die Gewichte im Portfolio auf das ursprüngliche Niveau anpasst und von jeder aktiven Steuerung ausdrücklich die Finger lässt.

Bleibt das Argument der Kosten. Im Vergleich zu herkömmlichen Finanzprodukten sind Robo Advisors keineswegs stets günstiger. Die Grundgebühr rangiert bei einem Anlagebetrag von 40 000 Euro von 0,36 % für Quirion bis 1,0 % für den Warburg Navigator oder einer bestimmten Variante des Sparkassen-Projektes Bevestor, wie „rendite“, das Anlagemagazin der Börsen-Zeitung, im Juni erhoben hat. Fondskosten kommen noch hinzu. Die Stiftung Warentest hatte in einer eigenen Erhebung daher im vergangenen Jahr Kosten von wenig mehr als 0,6 % bis annähernd 1,9 % festgestellt. Zum Vergleich: US-Marktführer Vanguard wirbt mit einer Grundgebühr von nicht mehr als 0,3 % und verwendet ausschließlich ETFs. Für den US-Markt sind ohnehin vergleichsweise geringe Fondskosten üblich.

Marktbeobachter sind skeptisch, ob Anleger die Online-Anbieter tatsächlich brauchen. „Robo-Advisors sind unserer Meinung nach derzeit nur für eine spezielle Anlegergruppe interessant: halbwegs kundige Anleger, die nicht alles selbst entscheiden wollen“, sagt Yann Stoffel, zuständiger Projektleiter der Stiftung Warentest. Das Analysehaus Morningstar empfiehlt Anlegern, gemischte ETFs oder günstige, aktiv verwaltete Mischfonds als Alternative zu prüfen. Der Mehrwert der Robo Advisors ist keineswegs offensichtlich.

Für einen Aufschwung spricht laut DWS-Experte Öztürk aber der Erfolg der ETF-Sparpläne, in dessen Windschatten das Robo-Advisory wachsen dürfte. Mehr als eine Million Sparpläne und 25,4 Mrd. Euro zählt der Datendienst ExtraETF für Juli. „Die Zielgruppe von ETF-Sparplänen und Robo-Advisory-Anbietern ist ähnlich“, argumentiert Öztürk.

„Hybrid“ soll die Lösung sein

Eine weitere Triebfeder könnte die Vermischung klassischer Modelle mit digitalen Elementen sein. Auch hier ist der US-Riese Vanguard ein Vorreiter und bietet routinemäßig telefonische Beratungsgespräche an – nicht etwa durch eine Maschine, sondern durch einen Menschen. Die deutsche Scalable Capital hat ebenfalls ein Beratungsteam aufgebaut. Viele Anleger wünschten sich, Verantwortliche der Geldanlage einmal gesehen zu haben, ehe sie die Portfolioverwaltung laufen lassen, sagt Christian Dierssen, Director für Sales & Relationship Management. Auch andere Robo-Advisors haben sich einer Beratung geöffnet. Umgekehrt wird in der klassischen Fondsvermittlung mit Robo-Advisory-Ansätzen experimentiert. Neben dem Angebot Bevestor, das zu den Sparkassen gehört, bietet Union Investment die Plattform MeinInvest an. Union-Investment-Chef Hans Joachim Reinke sieht eine Verschmelzung der Modelle. „Der Kunde ist nicht analog oder digital. Er ist hybrid“, sagte er im Februar.

Wie viele Mittel MeinInvest bereits steuert, teilte Union Investment auf Nachfrage nicht mit. Immerhin 287 Banken aus der Familie der 873 Volks- und Raiffeisenbanken und zugehöriger Adressen haben den Dienst per Jahresmitte bereits eingebunden, doch befindet sich das Projekt in der Ausrollphase und „bewegt sich vor diesem Hintergrund im Plan“, wie Union Investment mitteilt. Vielleicht sind die Genossen schon weiter als die Sparkassen, die mit Bevestor auf ein Volumen von gerade einmal 6,5 Mill. Euro kommen, wie die zugehörige DekaBank im April beziffert hat. Von den Werten, die Berater prognostiziert hatten, ist das Segment jedenfalls weit entfernt.


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