SCHÖNE NEUE WELT DES BANKING - SERIE ZUR DIGITALISIERUNG: GASTBEITRAG (11)

GASTBEITRAG

Digitalisierung als Überlebensstrategie

Börsen-Zeitung, 22.8.2019

Teure Altsysteme und Infrastrukturen, die rund 20 % der Kosten verschlingen – die IT-Systeme klassischer Geschäftsbanken sind trotz aller Digitalisierungsbemühungen alles andere als effizient. Und während viele Institute noch diskutieren, ob der Regulator die Auslagerung von Systemtests in die Cloud genehmigt, betreiben Fintechs ihre Kernbankensysteme längst dort. Die Innovatoren der Finanzbranche verfügen über eine leistungsstarke und moderne IT – Microservices ersetzen monolithische Systeme, vollintegrierte agile Teams sind der Gegenentwurf zur traditionellen Trennung von Fachseite und IT, „Continuous Delivery Pipelines“ automatisieren die gesamte IT-Lieferkette. Das schlägt auch auf die Kostenseite durch – und zwar signifikant: Nur noch rund 5 % der Kosten entfallen bei diesen jungen Fintech-Banken auf die IT. Das zeigt: Die Bedeutung einer modernen IT ist für Banken kaum zu unterschätzen.

IT muss nicht teuer sein

Banken-IT muss nicht teuer sein, das zeigen die sogenannten Greenfield-Banken – also solche, die auf der grünen Wiese neu errichtet werden. Um solche digitalen Plattformen zu entwickeln, ist ein leistungsstarker und technologieaffiner IT-Bereich Grundvoraussetzung. Dies ist nicht nur kostengünstiger, sondern bildet auch die Basis für medienbruchfreie End-to-End-Prozesse, die innovative Nutzung von Daten – wie etwa Frühwarnsysteme oder KI-Anwendungen – und eine agile Gesamtorganisation. In traditionellen Banken werden neue Technologien dagegen weniger strategisch als opportunistisch eingeführt. Nicht selten gilt dabei das „First-Mover-Prinzip“: Der Fachbereich, der die Innovation anschiebt, muss die gesamte Plattform bezahlen. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Hemmnis. Neben den Fintechs wagen sich jetzt aber auch erste etablierte Banken vor: Sie runderneuern ihre betagte IT basierend auf entkoppelten Systemwelten. Zum Aufbau der kritischen Masse an Cloud-Fähigkeiten beteiligen sich einige Institute an Fintechs. Andere gründen selbst neue Banken nach dem Greenfield-Ansatz und nutzen dazu schlanke Kernbankensysteme wie Mambu.

Zentral ist dabei die Frage, welche Eigenschaften eine moderne Bank-IT aufweisen muss, um das Institut wirklich zukunftsfähig zu halten. Die Boston Consulting Group (BCG) sieht fünf Voraussetzungen.

Zunächst braucht es eine entkoppelte Architektur: Die Kapselung von Funktionalität in wiederverwendbaren Microservices ermöglicht die Entwicklung verteilter Anwendungen. Sie kommunizieren über APIs (Programmierschnittstellen) und Service Meshes (ein Geflecht von Microservices, die über Netzwerkaufrufe miteinander interagieren) in strukturierter Weise. Das reduziert die Aufwände für Neuentwicklung, Test und Betrieb dramatisch. Auch der Einsatz von Standardsoftware ist eine Option. Allerdings bleiben die Kosten hier nur vertretbar, wenn die Bank nah am Herstellerstandard bleibt.

Darüber hinaus ist eine vereinfachte Datenhaltung essenziell: Sogenannte „Data Lakes“ nehmen gigantische Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen auf. So lassen sich bereichs- oder bankweite Datenhaushalte schaffen. Im Gegensatz zu „Data Warehouses“ können hier Datenstrukturen jederzeit nachträglich geändert werden. Aktuelle Speicherpreise ermöglichen eine umfassende Historisierung von Daten. Dabei braucht es eine strikte fachliche und technische Daten-Governance, die unnötige Redundanzen vermeidet und Konsistenz sicherstellt.

Ein weiterer wesentlicher Faktor ist eine modernisierte Infrastruktur: Die Anzahl der Technologien sollte auf das Wesentliche reduziert werden. Meist genügt eine umfassend standardisierte und automatisierte Kernplattform. Da die komplette Infrastruktur in der Cloud läuft, wird es kostengünstiger, Ressourcen zu beschaffen und zu erweitern. Cloud muss dabei nicht immer Drittanbieter bedeuten. Meist starten Banken mit internen Clouds.

Hinzu kommt die „Digital Delivery“: Agile Teams verhindern Reibungen und Brüche an der Schnittstelle zwischen Fachseite und IT. „DevOps“-Teams verschmelzen Entwicklung und Betrieb von Anwendungen. Sie stellen sicher, dass das Wissen am Ende der Programmierung nicht abfließt. Durch „Continuous Delivery“, die Automatisierung der IT-Lieferkette, können Programmierer Testumgebungen im Selbstservice bestellen. Was früher Tage brauchte, geht heute in Minuten. Nicht zu unterschätzen ist der Faktor Team und Fähigkeiten: Alle involvierten Mitarbeiter – nicht nur die aus der IT – müssen neue Technologien verstehen und anwenden. Prototypen und Code Camps, in denen Mitarbeiter Programmierframeworks wie Spring Boot oder Angular praktisch erlernen, und Secondments, bei denen Mitarbeiter zeitweise bei innovativen Softwareherstellern ihre Fähigkeiten verbessern, ersetzen traditionelle Schulungen. Für eine moderne Bank-IT ist es wichtig, Kernfähigkeiten auch intern aufzubauen.

Den Wechsel schaffen

Wie schafft die IT einer traditionellen Bank den Wechsel vom Dienstleister zur kosteneffizienten digitalen Plattform? Das kann nicht allein in der IT geschehen. Agilität und Digitalisierung erfordern ein Verschmelzen von Fachseite und IT: Die IT muss dabei wie ein Technologieunternehmen oder Softwarehersteller handeln. Das Selbstverständnis der „IT als Dienstleister“ hat ausgedient. Sie schlägt nicht nur neue Technologien vor und entwirft die Praxisanwendungen, sondern ist auch für die Budgetierung von Innovationen verantwortlich. Aus großen Entwicklerpools und vielen Externen werden kleine, schlagkräftige Programmiereinheiten. Diese arbeiten Hand in Hand mit der Fachseite und sitzen im selben Raum. Die Fachseite wiederum muss neue technologische Fähigkeiten aufbauen. Nur so kann sie mit der IT auf Augenhöhe Projekte entwickeln. Die Qualität der Programmierer ist dabei entscheidend. Doch neue IT-Talente rekrutiert man nicht mit der Technologie von gestern. Aus diesem Grund ist es wichtig, die fünf beschriebenen Voraussetzungen konzertiert anzugehen. Denn Tech-Nachwuchskräfte kennen Netflix nicht nur wegen „House of Cards“, sondern vor allem durch Titus oder den Chaos Monkey – zwei Werkzeuge, die signifikanten Einfluss auf Stabilität und Qualität moderner IT-Infrastrukturen haben und mit denen sie arbeiten möchten. Die „Children of the Cloud“ haben nie in traditionellen IT-Abteilungen gearbeitet und haben es auch nicht vor. Daher gehen digitale Banken auch im Recruiting neue Wege: Hackathons und Hospitation ergänzen das traditionelle Vorstellungsgespräch. Über das Personalmanagement hinaus können strategische Beteiligungen an Fintechs sowie „Greenfield-Schnellboote“ helfen, Expertise aufzubauen und zu bündeln.

Es ist also viel Bewegung in der Banken-IT. Doch was jetzt noch revolutionär erscheint, ist über kurz oder lang eine Überlebensfrage in Zeiten geringer Erträge. Dauerhaft niedrige Zinsen, Kostendruck und die digitale Konkurrenz machen die „digitale Revolution der IT“ zu einer notwendigen Strategie für Banken, um in diesem Umfeld zu bestehen.

Von Marc Papritz und Christian Schmid *)

*) Marc Papritz und Christian Schmid sind Partner bei BCG


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