SCHÖNE NEUE WELT DES BANKING - SERIE ZUR DIGITALISIERUNG: DIE PLÄNE DEUTSCHER BANKEN (8)

Künstliche Intelligenz hält im Kreditgewerbe Einzug

Umfrage: Die großen deutschen Institute wollen neue Technologie forcieren – Breites Einsatzfeld

Von Bernd Neubacher, Frankfurt

Börsen-Zeitung, 17.8.2019

Deutsche Banken setzen künstliche Intelligenz (KI) querbeet im Bankbetrieb ein, wie eine Umfrage der Börsen-Zeitung zeigt. So berichtet Hans-Jürgen Plewan, Leiter IT bei der DekaBank, von „eher konventionellen Anwendungen wie Chatbots bis hin zu ganzen Geschäftsprozessen, die mittels KI und Machine Learning automatisiert wurden“. Die Commerzbank setzt KI eigenen Angaben zufolge bereits unter anderem in der Betrugsbekämpfung, bei der Auswertung von Kundendaten, etwa im digitalen Haushaltsbuch, sowie bei der Beantwortung interner Anfragen durch Chatbots ein. Bei der LBBW wiederum ist die Rede von einer Vielzahl von Anwendungsfällen unter anderem in der Compliance sowie in der Revision. „Dabei setzen wir Affinitätsmodelle für Bankprodukte und Kündigerprävention, Clusteranalysen für Segmentierungen sowie Zeitreihenanalysen für Vorhersagemodelle zur Ergebnisentwicklung ein“, teilt die Landesbank mit. Ein weiterer Schwerpunkt sei Text-Mining und semantische Analytik etwa für eine automatisierte Bilanzanalyse oder die Klassifikation von Dokumenten.

Die Deutsche Bank setzt künstliche Intelligenz unter anderem im Privatkundengeschäft ein, „um Kunden personalisierte und individualisierte Dienstleistungen anbieten zu können“. Die Bank nutze die Technologie zudem für eine vollautomatische Bearbeitung von Kundenaufträgen, zum Beispiel beim vollständig digitalen Antrag und Entscheid über Ratenkredite der Postbank, heißt es.

Zum Einsatz komme KI ferner intern dort, wo es für Mitarbeiter einen übermäßig hohen Aufwand bedeute, sich wiederholende Aufgaben zu erledigen – beispielsweise um Daten abzugleichen und zu validieren oder um große Mengen unstrukturierter Daten zu lesen und zu ordnen. So greift die Fondstochter DWS im Abwicklungsbetrieb auf die KI-Lösung eines New Yorker Start-ups zurück, um „bisher vom menschlichen Urteilsvermögen abhängige“ Prozessschritte zu automatisieren, zum Beispiel die Abstimmung von Handelsbestätigungen und die Validierung von Transaktionsgebühren, wie die Deutsche Bank weiter schreibt. Der Lösung bedient sich demnach auch die Transaktionsbank. Ferner nutze die Deutsche Bank Research KI, um nichtfinanzielle Informationen sowie andere immaterielle Vermögenswerte von Unternehmen zu quantifizieren und Faktoren wie Unternehmenskultur, Reputation und Innovationskraft zu bewerten. Auch griffen die Mitarbeiter im Dubliner Datenlabor „The Hive“ auf KI zurück, um Geschäfts- und Infrastruktureinheiten der Bank zu helfen, etwa Daten zu analysieren oder den Betrieb zu rationalisieren.

Die DZ Bank verwendet KI unter anderem in der IT. Kürzlich führte sie dort eine KI-gestützte Software ein, um die Bank wirksamer gegen Hacker-Angriffe zu schützen, wie mitgeteilt wird. Darüber hinaus würden Chatbots eingesetzt, um Kunden etwa über Investitionsförderungen zu informieren. Ferner habe etwa die Ratenkredit-Tochter Teambank einen selbstlernenden Algorithmus entwickelt, der Nutzern anzeige, wie viel Geld sie etwa für Mobilität, Wohnen oder Lebensmittel ausgeben.

Die Budgets sind geheim

Zugeknöpft geben sich die Institute in der Frage, wie stark sie in den Einsatz von KI investieren. Allein die DekaBank lässt sich entlocken, dass in der Bank für IT-Maßnahmen zur Umsetzung von künstlicher Intelligenz ein Innovationsbudget besteht, das mitsamt dezentraler Initiativen rund 5 % des gesamten für Veränderungen vorgesehenen Sach- und Personalaufwands entspricht. Bei der Deutschen Bank steuern die einzelnen Bereiche im Rahmen ihres jeweiligen Digitalisierungsportfolios Initiativen zum Einsatz von KI. In der Commerzbank kümmert sich der Konzernbereich Big Data & Advanced Analytics sowie der Main Incubator um das Thema.

Gegenüber den Wall-Street-Häusern dürften deutsche Banken das Nachsehen haben. Bei Goldman Sachs bezifferte Chief Operating Officer John Waldron die IT-Ausgaben 2019 jüngst auf rund 4 Mrd. Dollar. In Europa nutzt Goldman Sachs KI in Bereichen wie Marketmaking, Pricing, Risiko- und Portfoliomanagement, wie Joanne Hannaford, Head of Technology für Europa, den Nahen Osten und Afrika erklärt. In ihrer im September 2018 in Großbritannien gestarteten Online-Bank Marcus komme dabei maschinelles Lernen „zur Entscheidungsunterstützung“ zum Einsatz. Dieses Instrument werde parallel zu den quantitativen Modellen verwendet: „So verbessern wir die Leistung und Genauigkeit, stellen aber auch sicher, dass es keine allzu großen Abweichungen von der Norm gibt.“ Da die Bank Chatbots bereits intern verwende, sei es denkbar, „dass wir sie in einem nächsten Schritt auch zum Nutzen unserer Kunden einsetzen“.

Auch deutsche Institute machen deutlich, dass sie den Einsatz von KI ausweiten wollen. Der DekaBank geht es dabei „in mehreren Projekten“ um eine weitere Automatisierung von Geschäftsprozessen und Prozessschritten mittels maschinellen Lernens sowie um die Analyse großer Datenmengen. Die Commerzbank will KI in der Betrugsbekämpfung und der Entwicklung neuer Kundendienste, aber auch im Management der Kundenbindung ausweiten. Die LBBW strebt danach, KI „für weitere fachliche Fragestellungen in die Geschäftsprozesse zu integrieren“, zudem aber auch die Basis der genutzten Daten auszuweiten. Bei der Deutschen Bank heißt es weniger konkret, das Institut wolle generell innovative Technologien „noch stärker“ nutzen, um einfacher und effizienter zu werden. In allen Geschäfts- und Infrastrukturbereichen liefen verschiedene Initiativen.


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