SCHÖNE NEUE WELT DES BANKING - SERIE ZUR DIGITALISIERUNG: EINLEITUNG (1)

Der Finanzsektor wird neu vermessen

Der digitale Umbruch wird zunehmend Realität – Banken sehen immer mehr Geschäftsbereiche bedroht – Neue Serie

Der Finanzsektor wird neu vermessen. Er zeigt sich in seiner Handlungsgeschwindigkeit dabei schnell und langsam zugleich. So gibt es auf der einen Seite außerhalb des Technologiesektors wohl kaum eine Branche, die sich derart früh etwa um den Einsatz künstlicher Intelligenz bemüht hat.

Von Bernd Neubacher, Frankfurt

Börsen-Zeitung, 30.7.2019

Automatisierung, die Technik verteilter Kassenbücher (Distributed Ledger), Online-Auslagerungen auf externe Server, maschinelles Lernen, das Konzept der Öffnung des Zugangs zu Kundendaten, vor allem aber gewaltig steigende Kapazitäten in der Datenverarbeitung ermöglichen Banken Verfahren, ihren Boden sehr viel effizienter zu beackern als bislang – vorausgesetzt die Bereitschaft und die Fähigkeit, die Art der Bewirtschaftung grundlegend zu verändern. Zugleich öffnet sich der Blick auf neue, lukrative Felder im digitalen Raum. Die Akteure dort schlagen jetzt die Pflöcke ein, um sich damit die Ernte von morgen zu sichern.

Dabei ist die Handlungsgeschwindigkeit der Banken schnell und langsam zugleich. So gibt es auf der einen Seite außerhalb des Technologiesektors wohl kaum eine Branche, die sich derart früh um den Einsatz künstlicher Intelligenz bemüht hat. Das macht Sinn, schließlich ist der Finanzsektor reich an Daten und damit hervorragend geeignet für die Anwendung von Big-Data-Methoden und des maschinellen Lernens, um Erträge zu steigern und Verluste beziehungsweise Kosten zu vermindern.

Der Umbruch ist zäh

Auf der anderen Seite gestaltet sich der Umbruch zäh, gerade in Deutschland. Die Finanzbranche bundesweit trifft er zu einem ungünstigen Zeitpunkt, verharren die Banken doch schon seit zehn Jahren in der Defensive: Erst galt es, die selbst verursachten Flurschäden der Finanzkrise zu bewältigen und das eigene Überleben zu sichern, sei es auch nur dank Staatshilfe. Seither geht es darum, die Kosten von Regulierung und Zinstief wegzustecken. An die ganz großen Würfe denkt man da nicht. Die Folge: Während neue Wettbewerber andernorts, kleine und sehr große, das Gebiet für den künftigen Wettbewerb abstecken, scheinen die hiesigen Banken und Versicherer mehr oder weniger auf ihren Händen zu sitzen.

Im 73 Seiten starken Bericht „Fintech: The Experience so far“, den der Internationale Währungsfonds (IWF) Ende Juni publizierte, findet „Germany“ jedenfalls lediglich ein einziges Mal Erwähnung, und dies auch nicht im Zusammenhang mit einer Initiative der Privatwirtschaft im Bankensektor, sondern vielmehr mit dem Vorhaben von Deutscher Bundesbank und Deutscher Börse, einen Blockchain-Prototyp zu schaffen. Zum Vergleich: Das Vereinigte Königreich, dessen Finanzplatz London der Fintech-Branche seit Jahren den roten Teppich ausrollt, und Singapur nennt der IWF in seinem Bericht jeweils 18 Mal.

Banken in Großbritannien, Australien oder den USA haben freilich eher die Größe, mit Investitionsbudgets zu klotzen. Wo wird der Platz von Deutschlands Finanzinstituten sein, wenn im Zuge der Automatisierung des Geschäfts die große Flurbereinigung stattgefunden hat?

Viele Optionen

Künstliche Intelligenz ist ja beileibe nicht das einzige Feld, in welchem sich Umwälzungen ankündigen. Managern mit einer Affinität technischen Neuerungen gegenüber müssen die Augen übergehen angesichts der Optionen in der schönen neuen Welt des Banking: Schnittstellen (Application Programming Interfaces/API) lassen Software-Programme interagieren, Daten austauschen, Transaktionen auslösen und ermöglichen damit die Anbindung spezialisierter Dienstleister im Zahlungs- und Datenverkehr oder etwa im Kreditgeschäft. Banken stellen auf Plattformen Marktplätze für den Vertrieb von Produkten anderer Anbieter bereit; manches Haus gründet sich gleich als Technologie-Plattform, auf deren offener Architektur andere Dienste aufsetzen können. Distributed Ledgers wiederum bieten die Aussicht auf erhebliche Kostensenkungen im Zahlungsverkehr und der Wertpapierabwicklung.

Mit wachsenden Kapazitäten zur Verarbeitung großer Mengen von Kundendaten verbindet sich für Banken die Hoffnung auf eine rasante Optimierung von Risikomodellen in der Kreditvergabe. Wer es schafft, sich als Plattform-Betreiber zu etablieren, profitiert vom Google- und Youtube-Effekt: Derjenige, der den Apparat hinstellt, schöpft finanziell den Rahm ab. Den Inhalt liefern Externe für lau, wenn sie nicht sogar noch dafür zu zahlen bereit sind. Kollabierende IT-Kosten erlauben unterdessen den raschen Aufbau neuer Angebote bzw. ganzer Banken. Automatisierung hilft, die Personalkosten gerade im Bereich des Bankbetriebs und dem Kundengeschäft nachgelagerter Bereiche zu senken. Die Schattenseiten der technologischen Umwälzung: Das Plattform-Banking etwa birgt Risiken mit Blick auf den Verbraucherschutz, auf Cyberrisiken, auf die Finanzstabilität sowie die Konzentration des gesamten Sektors. Die Distributed-Ledger-Technologie ist alles andere als ausgereift, digitale Währungen stellen das Notenprivileg der Zentralbanken in Frage. Und über allem schweben für Regulierer und Aufseher drängende Fragen internationaler Kooperation, nicht zuletzt in der Geldwäscheprävention.

Das Problem für die Banken: Die Möglichkeiten der Umwälzung haben auch branchenfremde Spieler erkannt. Sie haben im Zweifel tiefere Taschen, um zu investieren, und sie verfügen zudem über mehr technisches Know-how, wie man neuen Angeboten zum Erfolg verhilft. Zwar wirkt die Erlaubnispflicht von Bankgeschäften einstweilen als Eintrittshürde etwa für die US-Technologieunternehmen, die global bislang nach Gutdünken schalten und walten. Längst aber haben diese Gesellschaften erkannt, wie sie den regulatorischen und aufsichtlichen Aufwand optimieren, und haben sich folglich auf Dienstleistungen verlegt, die einen nur überschaubaren Aufwand mit sich bringen.

Kredite als letzte Bastion

Mehr noch: Weil ihre Finanzdienstleistungen für sie einstweilen nur Zubrot sind, können sie es sich leisten, diese gerade einmal kostendeckend anzubieten. Denn sie sind nicht wie die Banken darauf angewiesen, mit Erträgen aus dem Kerngeschäft gegen die Folgen negativer Zinsen anzuverdienen. Mancherorts im Markt wird vor diesem Hintergrund bereits prognostiziert, dass Big-Tech-Gesellschaften den Banken nach und nach Geschäftsfelder abnehmen werden, bis den traditionellen Instituten als Bastion nur mehr das Kreditgeschäft bleibt.

Nur dort schlagen sie die Technologieunternehmen mit deren eigenen Waffen: Denn die Historie an Kreditdaten sowie die Risikoexpertise, auf welche die Banken zurückgreifen können, müsste Big Tech erst noch aufbauen.

Heiße Debatten

Den Umbruch zu ignorieren, ist jedenfalls keine Option. Wer den Fortschritt nicht an die Hand nimmt, dem wird er an die Kehle gehen, ist von britischen Staatsmann Winston Churchill überliefert. Die Vorboten der schönen neuen Welt des Banking werden bereits sichtbar: Im Großkundengeschäft lässt der Aufstieg der Maschinen zunehmend die Margen erodieren, und im Massengeschäft machen neue Wettbewerber den Banken Kunden abspenstig. Die traditionellen Anbieter müssen eine, eine eigene, Antwort finden.

Nun kann niemand ernsthaft behaupten, im deutschen Finanzsektor sei in den vergangenen Jahren nichts passiert: Kein Tag, an dem nicht allein in Frankfurt sich meist männliche Repräsentanten des Gewerbes auf Podiumsbühnen über die Perspektiven der Digitalisierung die Köpfe heißreden. Nur: Was hat dies bisher gebracht?

Bei Beobachtern ist zuweilen die Rede von einer Art Frustration, die in Banken um sich greife: Jahrelang hat man Projekte initiiert, Start-ups finanziert, Inkubatoren gegründet und andere Vorhaben gestartet. Im Ergebnis und im Aktienkurs aber ist davon nichts zu sehen.

Die Meilensteine in der digitalen Umwandlung sind andernorts zu vermelden. Etwa wenn Facebook Anstalten macht, eine private Kryptowährung einzuführen, und damit die Notenbanken weltweit aufschreckt. Oder wenn das Technologieunternehmen Apple mit seinem Zahlungssystem Apple Pay rasch Reichweiten gewinnt, von denen Paydirekt, das Online-Bezahlsystem der deutschen Kreditwirtschaft, noch lange Zeit träumen wird.

Lösungen ohne Probleme

Die Resultate digitaler Projekte fallen aber oft ernüchternd aus, die Versuchsballons fliegen nicht. Da ergibt eine Initiative zum Einsatz künstlicher Intelligenz im Firmenkundengeschäft zur Vermarktung des jeweils nächstbesseren Angebots, dass die mit KI bearbeitete Kundengruppe solche Offerten exakt ebenso oft annimmt wie die Vergleichsgruppe, da Kunden schon in Eigeninitiative auf ihren Berater zugehen.

Da werden bei Versicherern Angebote gestartet, die es Kunden erlauben, allein durch Einsendung eines Fotos eines Schadens dessen Bearbeitung zu starten, ohne dass dies auf nennenswerte Resonanz stieße. Da werden hohe Summen in die Entwicklung von Apps versenkt, während man Kreditanträge weiter per Umlaufmappe herumreicht.

Anstatt zu versuchen, Lösungen für vermeintliche Probleme von Kunden in den Bankbetrieb zu integrieren, gelte es, die realen Probleme der Kunden zu identifizieren und von diesen den Weg zu einer Lösung zu suchen, meint denn auch Sven Krämer, Partner beim Beratungshaus ZEB.

Die Zeit drängt, wollen Banken nicht marginalisiert werden. Den Zahlungsverkehr haben Big Tech und Private Equity schon weitgehend unter sich aufgeteilt. Im Aktien- und Devisenhandel haben die Geldhäuser deutlich an Boden verloren, weil technologisch überlegene Anbieter mit Namen wie Citadel, Susquehanna oder XTX Markets ihnen das Wasser abgraben. Setzt sich dieser Trend fort, könnten bald weitere Geschäftsbereiche wegfallen und breit angelegte Abschreibungen in den Banken nach sich ziehen.

Wie tief die anstehenden Umwälzungen greifen dürften, lässt sich am Anforderungsprofil an die Beschäftigten illustrieren, das sich gründlich verändern wird. So stellte das World Economic Forum im vergangenen Jahr die Prognose auf, dass in den folgenden vier Jahren 56 % der Beschäftigten im Sektor „Finanzen und Anlage“ Umschulungsbedarf haben werden.

Automatisierung und maschinelles Lernen dürften demnach den Anteil menschlichen Inputs im Falle von Routinetätigkeiten etwa in der Verwaltung oder in der Datenverarbeitung bis 2022 um ein Drittel auf 39 % reduzieren. All dies schlägt sich bereits in der Personalpolitik der Institute nieder: Software-Ingenieure sind in, Verwaltungsassistenten out (siehe Grafik). Ex-Barclays-Chef Antony Jenkins geht davon aus, dass der Anteil jener Beschäftigten einer durchschnittlichen britischen Bank, die im Bereich „Operations and Technology“ tätig sind, bis 2030 von gut 50 % auf nur mehr 10 % fallen wird.

Mancher Siegeszug fällt aus

Zugleich gilt: Bangemachen gilt nicht. Wie wenig belastbar langfristige Prognosen gerade im Finanzsektor zum Teil sind, hat sich schon oft gezeigt. Auch in Bezug auf die Digitalisierung: So ist der vor wenigen Jahren prognostizierte Siegeszug der Fintechs weitgehend ausgefallen. Im Feld der Robo-Advisor hat bereits die Konsolidierung eingesetzt.

Wie also beginnen? Nach Jahren der Auseinandersetzung mit der neuen Technik ist es Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Welche Vorhaben fliegen, welche nicht? Gibt es für Banken ein Leben nach dem Einstieg ins Plattform-Zeitalter? Wie groß ist mit Blick auf das sogenannte agile Arbeiten die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, zwischen Anspruch und Wirklichkeit? Welche Effekte haben Kryptowährungen, und wie betrachtet die Aufsicht sie? Was kommt auf die Banken zu, wenn im September die Bestimmungen der EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 in Kraft treten? Zudem: Was läuft im Ausland? Hält die Verheißung künstlicher Intelligenz, was sie verspricht, und wie will ein Finanzvorstand etwaige Fortschritte kontrollieren? Wie weit sind an Wall Street Bemühungen gediehen, Händler durch Maschinen zu ersetzen? Wie steht es in China um die Pläne für ein Social Scoring von Bürgern? Und was haben die Regelsetzer in Berlin und Brüssel vor? Diese und andere Fragen wird die Börsen-Zeitung im Zuge einer Serie über die „Schöne neue Bankenwelt“ beleuchten. Lesen Sie mehr in den Ausgaben der kommenden Wochen.


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